I
Im Koran gibt es kein Bilderverbot. Diesbezügliche Textstellen werden als Aufzählung der Attribute Gottes ausgelegt.[1] Erst in der Überlieferungsliteratur des Hadit[2] Mitte des 8. Jh. finden sich schriftliche Belege gegen bildliche Darstellungen.[3] Mit diesen als Argumentationsgrundlage trifft die islamische Jurisprudenz rechtsverbindliche Aussagen, z.T. mit graduellen Unterschieden zwischen skulpturalen und flächigen Ausführungen. Obwohl in sakralem Bezug Bilder vermieden werden, kann von einem absoluten Bilderverbot nicht die Rede sein, wie Beispiele der islamischen Kunst aus allen Jahrhunderten zeigen. Hintergrund sind die in diesem Kulturraum bestimmenden Auffassungen von der Identität des Bildes mit dem Abgebildeten, die in Tradition zu älteren magisch-orientalischen Auffassungen stehen. Um dem Konflikt zu begegnen, nehmen oft Schrift oder Zeichen den Platz der Bilder ein.
Für die Bilderfeinde gibt es nur zwei Verhältnisse zwischen den Dingen, Gleichsein oder Anderssein, während für die Bilderfreunde eine Teilhaftigkeit des Einen am Anderen möglich ist, auch wenn eine wesenhafte Identität nicht besteht.[4] Diese Ansicht zum Bild korreliert mit entsprechenden Religionsauffassungen.[5] Die polarisierende Haltung der Ikonoklasten führt zusammen mit einer fundamentalen Religionsauffassung dazu, anderen leicht zu unterstellen, gegen „grundlegende Gesetze“ zu verstoßen, obwohl diese eigene Traditionen für ihren Bildgebrauch besitzen. Die weltweiten Proteste gegen die Karikaturen von Mohammed, veröffentlicht am 30.9.2005 in der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten, wurden mit dem Gefühl der Verletzung des islamischen Bilderverbotes begründet und reklamierten damit nun wie selbstverständlich dessen Gültigkeit auch für Dänemark.
„Die Schrift mit dem „unerschaffenen“ Wort Gottes, dass Mohammed im Koran offenbart worden war, ließ den Bildern keinen Platz im religiösen Raum.“[6] Die islamische Kunst vollzog deshalb im Lauf der Jahrhunderte eine Hinwendung zu Ornamentik und Kalligraphie und ihrer gegenseitigen Durchdringung, deren Beispiele in allen Museen der Welt als repräsentativ für diese Kultur erkannt und geschätzt werden. Die islamophile Rezeption in Europa seit Ende des 18. Jh. setzte diese Kultur oft in Vergleich zur eigenen. Mit der Sammlung und Erforschung ging eine positive Vermittlung einher.
Es ist zu resümieren, dass hinter diesen bewunderten Werken eine ungeheure religions- und erkenntnistheoretische Spannung in Bezug auf okzidentale Auffassungen verborgen ist. Der hinter der Bildvermeidung liegende Konfliktstoff spielte lange keine Rolle wegen der Distanz zur Herkunft der Stücke. Der Islam war ein Teil allgemeiner exotischer Vorstellungen geworden.
II.
Diese Exotik ist verflogen. Das letzte Dezennium veränderte den europäischen Blick auf den Islam erheblich. Man kann heute nicht mehr ruhig die Artefakte eines fremden Gestaltungssystems betrachten, da sich die religiös-kulturelle Bedingtheit der Herstellung zugleich über Attentate versucht zu artikulieren. Die politische Dimension der radikalen Abgrenzung durchdringt die gewachsene kulturelle Sympathie.
Die aufgeschobene Angst, in Deutschland ebenfalls zum Ziel des neuen globalen Terrorismus werden zu können, wurde mit den geplanten Bombenanschlägen vom 31.7.2006 bestätigt. Zwei im Hauptbahnhof Köln in Regionalbahnen deponierte Kofferbomben wurden an den Zielbahnhöfen Koblenz und Dortmund entdeckt. Sie waren wegen Herstellungsfehlern nicht explodiert; ihre Zerstörungskraft hätte jener des Anschlags vom 7.7.2005 in London entsprochen. Das fehlgeschlagene Attentat wurde in der Gerichtsverhandlung von den zwei libanesischen Terroristen mit der Notwendigkeit des Protestes gegen die Veröffentlichung der erwähnten Mohammed-Karikaturen begründet.[7]
Gepäckstücke ohne Eigentümer sind im Reiseverkehr besondere Misstrauensgegenstände. Der Bezug zu radikalislamischen Attentätern wird oft unter Ausblendung anderer denkbarer Zusammenhänge hergestellt, was die Intensität der bestimmenden Angst belegt. Zur Angst muss man bereit sein, einer möglichen Bedrohung ihre Macht vorab zugestehen.[8] Wohl wissend, dass z.B. die zum Mord aufrufenden Predigten des Imam Mohammed Fazazi[9] nicht repräsentativ für den Islam sind, breitet sich das Bedrohungsgefühl durch diese über das Gefühlserbe eines alten Orient-Okzident-Konflikts aus. Es ist, als warteten alle auf längst vergebene Stichworte.
Der Export der radikalen Religionsanteile führt zur Aufhebung der eigenen Distanzsicherheit und fordert zu einer Beschäftigung mit den Hintergründen heraus.
Eine Annäherung würde vor allem bedeuten, die Verdrängung nichtkonformer Inhalte aufzugeben und die Deckung der Ansichten nicht länger zur Bedingung zu machen. Man sollte das simultane Nebeneinander akzeptieren als komplementäre Grundverhältnisse, die nur bei gemeinsamer Anwendung einem fokussiertem Gegenstand gerecht werden können.[10]
[1] z.B. 59. Sure- Vers 24: „Er ist Allah, der Schöpfer, der Erschaffer, der Bildner... „ zit. aus: Der Koran, Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1980
[2] Die Hadit- Literatur umfaßt die Überlieferungen von Aussagen Mohammeds (Anweisungen, Herausstellen nachahmenswerter Handlungen, Empfehlungen usw.), die im Koran nicht enthalten sind.
[3] wie z.B. dieser: „Von demjenigen, der ein Bild macht, wird am Tag der Auferstehung verlangt werden, daß er ihm Lebensodem einhaucht. Das wird er aber nicht tun können.“ Zit. aus: Rudi Paret: Die Entstehung des islamischen Bilderverbots. In: Kunst des Orients, XI 1/2 (1976-1977), S. 162. Franz Steiner Verlag. Wiesbaden, Zitat- Quelle Wikipedia, Stichwort: Bilderverbot im Islam
[4] In Bruchstück 2 der Schrift von Konstantin V. „Gegen die Verehrung der Bilder Christi“ wird postuliert, daß ein wahres Bild mit dem Gegenstand, den es darstellt, wesensgleich zu sein hat. Zitiert nach Antirrhetici II des Nikephoros in: G. Ostrogorsky: Studien zur Geschichte des byzantinischen Bilderstreites, Breslau 1929, S. 41
[5] Die Bilderfeinde neigen zur Betonung einer göttlichen Wesenseinheit (u.a. Scheidung zwischen Gott- und Menschsphäre), während die Bilderfreunde eine hypostatische Verschiedenheit bei wesenhafter Einheit (z.B. die Dreieinigkeit) in ihren Ansichten integrieren können.
[6] Hans Belting: Das echte Bild, München 2005, S. 146
[7] Bei diesen Protesten sind bereits weltweit über 100 muslimische Demonstranten ums Leben gekommen, wurden 18 christliche Kirchen zerstört und 823 Menschen verletzt. Quelle Wikipedia, Stichwort: Bilderverbot im Islam
[8] Es sei in dem Zusammenhang an die Berichterstattung um die Absetzung der Premiere der Mozart-Oper „Idomeneo“ am 26.9.2006 in Berlin erinnert, die deutlich die Produktion von Angst noch vor einer Bedrohung dokumentiert.
[9] Romuald Karmarkar: „Hamburger Lektionen“, Besprechung in: FAZ 16.9.2007
[10] „Das … Prinzip der Komplementarität ist eine Form, mit dem Widerspruch subtil umzugehen: Man führt zur Betrachtung der Welt simultan zwei komplementäre Blickwinkel ein, von denen sich jeder unzweideutig in einer klar verständlichen Sprache ausdrücken läßt und die beide, voneinander getrennt, falsch sin. Ihre gemeinsame Präsenz schafft eine neue, für die Vernunft unbehagliche Situation. Aber nur mit diesem konzeptionellen Unbehagen wird es uns gelingen, zu einer korrekten Darstellung der Welt zu gelangen.“
-> Michel Houellebecq: Die schöpferische Absurdität in: Die Welt als Supermarkt, Hamburg 2001, S. 35










